„Werkstatt oder Unternehmen? - Zusammen arbeiten geht immer!“ am 07.06.2016 in der IHK Offenbach am Main

 - Kurzbericht über die Veranstaltung zum inklusiven Arbeitsmark -

 

Veranstalter:
Netzwerk Inklusion der Stadt Offenbach und Stadt Offenbach

 

 

Am 7. Juni 2016 fand in der IHK Offenbach vor rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörern eine Podiumsdiskussion zum inklusiven Arbeitsmarkt statt. Auf dem Podium waren Vertreterinnen und Vertreter von Werkstätten Hainbachtal, Arbeitsagentur Offenbach, Jobcenter MainArbeit, Integrationsamt und Vereinigung der Hessischen Unternehmerverbände sowie ein ehemaliger Schwerbehindertenvertreter des Hessischen Rundfunks.

Die Werkstätten Hainbachtal und der Verein „Gemeinsam leben Frankfurt“ mit ihrem Berufsprojekt „Arbeit inklusive“ stellten die Konzepte ihrer Arbeit vor.

Ein Filmbeitrag der Offenbacher Fröbelschule zeigte Erfahrungen im Bereich der Berufsausbildung.



Die zentralen Ergebnisse dieser Veranstaltung lauten:

  • Werkstätten leisten einen großen und wertvollen Beitrag zur Beschäftigung von behinderten Menschen. Allein in den Werkstätten Hainbachtal arbeiten 715 Menschen mit Behinderungen, darunter 51 in sogenannten Außenarbeitsplätzen in Unternehmen des Ersten Arbeitsmarktes. Als Großunternehmen beschäftigen die Werkstätten Hainbachtal insgesamt über 900 Menschen.

  • Entgegen der vielfach verbreiteten Meinung arbeitet der Großteil der behinderten Menschen in Hessen in der Privatwirtschaft, nur etwa ein Viertel im Öffentlichen Sektor. Es gibt viele und effektive Unterstützungsdienstleistungen und Möglichkeiten, den Anteil der Beschäftigung behinderter Menschen in Unternehmen deutlich zu erhöhen.

  • Unternehmen reagieren gleichwohl äußerst zögerlich bei der Einstellung von Menschen mit Behinderungen. Sie waren auch weitgehend gar nicht erst zur Veranstaltung gekommen. Hier diskutierten interessierte sowie vom Thema direkt tangierte Menschen sowie Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Institutionen. Die Podiumsdiskussion drehte sich sehr schnell um Kritikpunkte und Schnittstellen, bei denen deutlich wurde, dass die rechtlich geforderte Umsetzung von Inklusion auf dem Arbeitsmarkt sehr erschwert wird.

  • In erster Linie bedarf es mehr Aufklärung und Information für Unternehmen über Unterstützungsmöglichkeiten durch die verschiedenen Institutionen und Dienstleister, zum Beispiel bei krankheitsbedingtem Ausfall des Arbeitnehmers. Es gibt eine Vielzahl von Ansprechstellen und diese sind meist nicht bekannt. Eine Bündelung von Unterstützungsleistungen im Sinne der „Hilfe aus einer Hand“ wäre nötig. Ein erster guter Ansatz ist das Gemeinschaftsprojekt „All inklusiv“ von Agentur für Arbeit Offenbach, MainArbeit, ProArbeit und Lebensräume Rehabilitationsgesellschaft.

  • Die Einstellung des Arbeitsmarktes gegenüber Menschen mit Behinderungen muss sich ändern. Man könnte den aktuellen Arbeitsmarkt mit einer Olympiamannschaft vergleichen: Nur die Besten dürfen dabei sein. Doch wer von uns ist denn schon ein Olympiasieger? Die reine Leistung ist nicht der einzige Gewinn, den ein Unternehmen durch seine Mitarbeiterschaft erhält. Menschen mit Behinderungen haben besondere Qualitäten, die ebenfalls zur Prosperität eines Unternehmens beitragen können.

  • Unternehmen müssen umdenken und nicht zuerst die Behinderung sehen, sondern sich überlegen, wie sich die Behinderung eines Menschen ausgleichen lässt, damit die eigentliche Arbeit trotzdem geleistet werden kann. Doch wie kann ein Unternehmen zum Beispiel Menschen mit geistiger Behinderung wirklich einsetzen, wenn er sonst im Prinzip nur Fachkräfte mit zum Teil akademischer Ausbildung beschäftigt? Fachlichkeit und Eigenleistung müssen gewährleistet bleiben. Wenn die Arbeitskraft nur durch eine Behinderung eingeschränkt ist, so muss diese selbstverständlich ausgeglichen werden. Zum Beispiel durch Nachteilsausgleich oder eine Assistenz.

  • Ein niederländischer Unternehmer berichtete, dass man in seinem Heimatland Behinderung anders sieht als in Deutschland: Viele Menschen mit geistiger Behinderung haben dort einen regulären Arbeitsplatz. In Deutschland werde nur auf die Behinderung geschaut und nicht auf die sonstigen Fähigkeiten, die solche Menschen mitbringen.

  • Für Menschen mit Behinderungen bleibt es ein Risiko, auf den Ersten Arbeitsmarkt zu wechseln. Denn sollte das Arbeitsverhältnis dort scheitern, ist eine Rückkehr in die Werkstätten nicht ohne Weiteres möglich. Hier werden Hoffnungen auf das flexiblere „Budget für Arbeit“ des neuen Bundesteilhabegesetzes gesetzt.  

 


Mit einem Drei-Punkte-Appell an alle Beteiligten schloss die Veranstaltung:

  1. Mehr Aufklärung, Informationsaustausch und Netzwerkarbeit, damit alle Beteiligten – auch die Institutionen! - auf dem gleichen Kenntnisstand über Angebote und Nachfrage sind.

  2. Einrichtung einer zentralen Servicestelle mit Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern für alle Unterstützungsleistungen, damit sowohl erwerbsfähige Menschen mit Behinderungen als auch Unternehmen des Ersten Arbeitsmarktes auf direktem und kurzem Weg alle notwendigen Informationen zu erhalten.

  3. Weiterentwicklung der Strukturen auf dem Arbeitsmarkt, um inklusive Arbeitsverhältnisse bedarfsgerecht zu entwickeln. Werkstätten und Erster Arbeitsmarkt müssen gemeinsam mit allen relevanten Institutionen an innovativen Lösungen arbeiten, damit erwerbsfähige Menschen mit Behinderungen eine Chance auf gleichberechtigte Teilhabe in ihrem Erwerbsleben bekommen.